Ab auf die Insel

Ich habe mich am Samstag mit einer Freundin unterhalten ob man, also ich, auf einem Blog die Themen wild mischen sollte…also Essenfassen mit Modefragen, Sport, Blödsinn, Gesellschaft und Politik. Einvernehmlich haben wir uns dagegen entschieden…es kommt ja dann weder Fisch noch Fleisch dabei heraus, oder? Und dann: diese unseligen Online-Diskussionen, deren Niveaulosigkeit mich teilweise so krank macht, dass ich gerne das Internet abschaffen würde.

Andererseits habe ICH mir vorgenommen meine Themen erst noch zu finden und daher werde ich jetzt wohl doch politisch oder wenigstens gesellschaftskritisch: gestern habe ich die Doku 100 Jahre Krieg in Nahost angesehen. Sie zeigt so wunderbar auf, dass die Schuldfrage längst nicht mehr wichtig ist und wie die Opferzahlen seit Jahren auf beiden Seiten steigen. Die dokumentarische Zusammenfassung bemühte sich um eine Darstellung der Ursachen für die jeweiligen Konflikte in den Ländern….teilweise liegt das bis weit vor meiner Geburt zurück und, dabei würde ich mich nicht als uninteressiert beschreiben, ich hatte keine Ahnung wie sehr der Imperialismus des 19. Jahrhundert hier noch nachwirkt und welche Einmischungen und Gräueltaten sich die sogenannten Westmächte geleistet haben und teilweise immer noch tun. Für eine Hausarbeit im Rahmen eines Seminars zum Thema Globalisierung lese ich auch gerade viel über Frantz Fanon und sein Buch „Die Verdammten dieser Erde“(1961); er beschreibt sehr klar und deutlich die Beziehung der Gewalt zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten und wie lange es dauert hier an einem Tisch zu sitzen zu können, eine zerstörte Kultur wieder zu beleben und eine neue zu definieren.

Gestern Nachmittag habe ich dann ein neues Rezept ausprobiert – Karottenkuchen mit weißer Schokolade – und nebenher in der Arte Mediathek Der Traum von Olympia laufen lassen. Und da war es wieder, der Gedanke: ich lebe auf einer Insel.  Aus meiner Arbeit mit Flüchtlingen habe ich die Erfahrung gemacht, dass alle Menschen sich das gleiche wünschen: eine sichere Umgebung für unsere Kinder, einen Job, Freunde, Familie. Die Radikalisierung erfolgt erst dann, wenn wir mit all unseren Bedürfnissen ungehört, unterdrückt und angeklagt werden. Die vielen Anschläge und Vorkommnisse um uns herum sind Verzweiflungstaten und wir, auf der sicheren Insel, sollten endlich konstruktiv und nicht mehr so angstbesetzt darüber nachdenken wie wir die sichere Insel vergrößern und nicht nur abschirmen können.

Aus meinem Freundeskreis weiß ich, dass es vielen so geht: wir gehen in den Supermarkt und haben selbstverständlich eine riesige Auswahl, als Schwangere werde ich gerade medizinisch überversorgt und betütelt, wir liegen im Schwimmbad und räkeln uns gemütlich in der Sonne. Gerade in München und schon gar nicht in Schwabing muss man nicht unbedingt etwas von der Welt da draußen mitbekommen. Und dennoch, die Küsten unserer Insel bröckeln: es geschieht es in unmittelbarer Nähe, dass minderjährige Flüchtlinge aus einem fahrenden Zug springen um nicht entdeckt zu werden oder gar zu einer Axt greifen und andere Menschen verletzten. Wieviel muss geschehen sein, dass Kinder sich so fremd werden? Wo war die Insel?

Ich schreibe diese Worte und sitze auf meinem Balkon in Schwabing. Eine Sensation für uns dieses Jahr ist unsere einzige rote Rose, die aus einem Chaosblumenkasten wächst ohne dass wir sie noch einmal erwartet hätten. Ich freue mich jeden Tag über diese blöde Blume und fühle mich dabei glücklich. Die Differenzen zwischen dem bewussten Nachdenken über Kuchen, Rosen, Dikaturen, Radikalismus…. begreife ich immer mehr als Luxus denn als Last. Mit herzlichen Grüßen von der Insel.

Foto 17.07.16, 19 28 28


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