Das Hippimädchen.

Meine Antwort auf eine Umfrage von Zeit Campus: Seid ihr links?

Liebe Zeit,

Ich bin in den 80er Jahren in einer WG mit zwanzig Leuten aufgewachsen, in die Ferien fuhren wir mit einem alten VW-Bus. Es ging nach Griechenland, übernachtet wurde am Strand, das Auto hatte immer mindestens eine Panne oder die Heizung ging bei 40 Grad im Schatten nicht mehr aus. Zur Not trampten wir dann halt zurück nach Hause. Ich kenne endlose WG-Sitzungen, in denen stundenlang über die gerechte Aufteilung von Putzen, Einkaufen und Kochen verhandelt wurde…demokratisch ja, irgendwie so linksalternivgrün auch, aber gähnend langweilig und eigentlich nie nachhaltig effektiv. Als Erwachsene hatte ich darauf dann auch keine Lust mehr. Während sich der/die normale StudentIn neugierig auf das freie WG-Leben gestürzt hat, habe ich meine erste, eigene Wohnung genossen, viel gejobbt und vor dem Studium gleich drei Praktika absolviert. Außerdem war ich schon in einer festen Beziehung, mit einem richtigen „Spießer“, d.h. geordnete Verhältnisse, Papa, Mama, Kind und ein Mercedes vor der Tür des Reihenhauses. Links waren die trotzdem, und zwar aus ganzem Herzen. In den siebziger Jahren adoptierten sie ein schwarzes Kind und hatten so einiges über rechte Gewalt zu erzählen, die Tante war Journalistin und nach, ja wohin wohl, Griechenland emigriert. Dahin ging es dann auch wieder in den Urlaub. Doch dieses Mal konnte ich vor allem Horden von EngländerInnen beobachten, die mit roten Nasen und kleinem Budget eine ganze Region der Peloponnes mit Billigbauten und riesigen Discountsupermärkten unterjochten.

In meiner Magisterarbeit beschäftigte ich mich dann mit der Geschichte der ersten RAF-Generation und ihrem medialen Image: Coole schwarz-weiß-Fotos, der Porsche von Baader, die hübsche Ensslin, die melancholische Meinhof. Und die künstlerische Umsetzung von Fassbinder und Schlöndorff. Bis heute besitzen die Bilder aus der Zeit etwas ikonenhaft Anziehendes. Da möchte man/frau doch gerne links sein. Allerdings bieten die Taten keinen Halt mehr, die pure Grausamkeit schreckt ab und bei genauerer Betrachtung wirken die Texte arg verkopft und die Aktionen einschüchternd chaotisch, gewalttätig und auch lang nicht mehr politisch motiviert. Dennoch hat mich die Auseinandersetzung mit dem Thema auch bewogen mit Mitte zwanzig endlich einmal über meine eigene politische Haltung nachzudenken, ich, die eigentlich immer ohne Nachzudenken die Grünen gewählt hatte. War das besser als vorbehaltlos die Rechten zu wählen? Ich kannte eigentlich weder das eine noch das andere Parteiprogramm.

Vor ein paar Jahren begann ich dann mein zweites Studium, Soziale Arbeit. Für mich eigentlich nur mit einer linken Gesinnung möglich, doch was heißt das genau? Ich kann es inzwischen nur für mich definieren: aus den Erfahrungen meiner Kindheit habe ich gelernt, tatsächlich tolerant zu sein, also nicht zwischen Hautfarben, ethischen und ethnischen Anschauungen zu bewerten oder mir sofort eine Meinung zu bilden. In der WG hat man mir nie den Mund verboten und es gab keine falschen Fragen. Ich kann mit rechten Parolen und Parteiprogrammen nichts anfangen, ich kann sie weder verstehen noch logisch nachvollziehen. Für mich sind neue Kontakte und „Fremde“ immer eine Bereicherung gewesen, nie eine Bedrohung und ich war selbst lang genug im Ausland um zu verstehen wie wichtig Unterstützung und Hilfestellungen am Anfang sind. In Spanien habe ich auch gelernt wie wichtig es ist wieder auf Demos zu gehen, damit Gesicht zu zeigen und sich um die Zukunft zu kümmern.

Inzwischen arbeite ich mit Kindern. Sie sollen in meiner Einrichtung ihre eigene Haltung finden und sich nicht einer vorgegebenen Meinung, auch nicht meiner, ohne Diskussion fügen oder Befehle stur befolgen. Diese Art von politischer und auch sozialer Erziehung liegt mir, besonders vor dem historischen Hintergrund Deutschlands, sehr am Herzen. Nichts fürchte ich mehr als angstmotivierte Aggression, sie kann alles zerstören. Von den Kindern habe ich gelernt scheinbar klare Begriffe aus der Erwachsenenwelt wieder neu zu hinterfragen: was heißt es, wenn jemand offen ist? Hat er/sie dann irgendwo ein Loch? Oder links? Kuckt er/sie immer nur in die eine Richtung? Durchaus berechtigte Fragen.
Ich lese linke Zeitschriften, habe linksorientierte Freunde und identifiziere mich mit den Grundrechten und der Demokratie. Bisweilen bin ich zu faul für Demos, ertrage rechtes Gedankengut nur schwer und habe Angst vor Gewalt und Terror. Ich kenne niemanden, der „rechts“ ist, vermutlich habe ich die gleichen Vorurteile über „die“ wie sie über mich.

Ich kann euer Statement im Text „Links sein, das hieß früher, von Utopien zu träumen und den Staat zu bekämpfen, notfalls mit Gewalt.“ nicht verstehen. Nur wenige haben dem Klischee des Steine werfenden, Auto anzündenden Langhaarigen mit der AK47 entsprochen oder tun es heute in irgendeiner Form. Genauso wenig heißt rechts sein immer Springerstiefel, Glatze und Brandstiftung von Asylantenwohnheimen. Die Schubladen á la links, rechts, Mitte, konservativ, alternativ…sie sind doch längst eine große Kiste geworden: Erdogan beschreibt sich als Demokrat, Trump als Republikaner, Hillary als Feministin: wir müssen die Positionen offensichtlich neu verhandeln, die alten gelten nicht mehr. Die laut Text so verachtenswerte Selbstliebe ist sicherlich keine Lösung auf gesellschaftlicher Ebene, allerdings ist sie doch auch überhaupt nicht hinderlich: wenn ich mich selbst mag, und das ist die Königsklasse eines menschlichen, vielleicht auch explizit weiblichen Lebens, dann urteile ich doch auch kritischer, fairer und mit viel weniger Wut.

Ich bin ein Hippiemädchen und lebe ein echt konservatives Leben mit Wohnung, Kombi und Mann. Aber ich habe mich frei und reflektiert dafür entschieden und das vor allem heißt für mich links.

 

 

 


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