Wie wir uns selbst finden

„Sei du selbst!“, „Sei bei dir.“, „Erst wenn du dich selbst findest/ kennst / liebst, kannst du wahre Liebe erfahren, geben…“ oder eben so ähnlich wabern diverse Slogans um uns herum und in unseren Köpfen. Ich habe vor ein paar Jahren einen Artikel gelesen, der behauptete die heutige Generation um die dreißig mache Yoga, Psychotherapie und sei selbstständig. Leider haben diese Worte bei mir damals voll ins Schwarze getroffen. Und ich war echt peinlich berührt….schließlich dachte ich, ich sei so individuell und total auf der Zielgeraden bei der Entdeckung meines Egos!

Meine Therapie ist aber inzwischen – seit zwei und nach insgesamt 4 Jahren – beendet. Obwohl seitdem Dinge geschehen sind, die manchmal die Sehnsucht nach meinem Therapeuten aufkommen ließen, aber ich habe ihn dennoch nicht mehr angerufen. Ich glaube, ich wollte und will mich bis heute tatsächlich selbst d.h. alleine finden, ohne seine Hilfe. Die Analyse hat mir viele mögliche Wege der Selbstfindung aufgezeigt, die ich nicht missen möchte. Ich bin bis heute damit beschäftigt all diese „Türen“ zu meinem Ich zu entdecken, meinem Therapeuten brauche ich da momentan einfach nicht.

Das, sagen wir mal in der Öffentlichkeit diskutierte Thema der „Selbstfindung“ lässt mich ehrlich gesagt oft gähnen, umblättern, Ohren abschalten. Die MarkusLanzNewAgeYogaAuseinandersetzung damit langweilt mich einfach. Oder wenn eine zwanzigjährige Yogatrainerin nach ihrer 300 Stunden Jivamukti-Supergoa-Ausbildung erklärt wie die Welt funktioniert…..help, wo sind meine Ohropax? Eine tiefe Depression lässt sich nicht einfach wegatmen. Genausowenig zeigen Asanas wo es zu dir selbst geht. Yoga kann ein Baustein sein, aber niemals der Baumeister. Das ist mir u.A. bei dem Film „Der Atmende Gott“ klar geworden…in einer Szene stehen drei indische Yogis zusammen und kichern über die ganzen Europäer, die in ihre Stunden kommen und sich total fertig machen über ihrem Selbst.

Der Selbstmordversuch meiner Cousine hat das Thema für mich aber wieder in ein anderes, akutes Licht gerückt: vor lauter Selbst-Suche kann man sich auch so schnell  verlieren. Ich veröffentliche diese Worte über sie, da sie selbst ihre unmittelbaren Emotionen stets so wunderbar unverblümt vertextet und veröffentlicht hat und ich sie dafür immer bewundert habe. Ihre Tat hat mich sehr getroffen, aber nicht überrascht und ich habe mich gefragt ob hinter ihrer steten Sehnsucht nach Wahrheit, totaler Ehrlichkeit und auch ihr Hang zu selbstvernichtneder Logik nicht einfach die finale Erkenntnis steht, das wir uns selbst gar nicht finden können. Das nicht enden wollende Zerfleischen der Vergangenheit in uns führt dann manchmal zur Selbstzerfleischung der Gegenwart. Und wir machen uns so vieles kaputt. Als ich von ihrem Suizidversuch gehört habe bin ich kurz danach schwimmen gegangen. Ich betrachtete das glitzernde Wasser, die Bäume und die Sonne in meinem Gesicht. „Warum siehst du nicht, das das Selbst gar nicht so wichtig ist? Warum siehst du nicht wie schön das Leben vor deiner Nase ist?“. Klar ist das auch wieder so ein romantisches Ideal: wenns Dir scheiße geht, geh ma a weng Natur und so. Aber an diesem Tag ließ ich mich so im Wasser treiben und mir war einfach nicht verständlich wie man dieses Schwebem, Leben, Gerüche, Liebe, Menschen und auch die negativen Gedanken einfach so nicht mehr ertragen will.

Ich habe mich noch nicht gefunden. Aber ich glaube, ich bin mir manchmal sehr nahe, da ich sehr viele Dinge an und in mir nicht mehr so ernst nehme. Life goes on….ob Du willst oder nicht, ob du dich findest oder nicht, das hat mich mein Sohn gelehrt. Und das meine ich nicht im negativen Sinne. Denn während wir über uns selbst grübeln, findet das Leben und der Tod statt. Es lässt sich nicht aufhalten. Da kann ich mich selbst auch mal sein lassen. Meine Mum hat einmal gesagt: „Eigentlich will ich mit mir selbst gar nicht so viel zu tun haben“ – denn es macht Angst sich selbst anzuschauen, lehrt dich selbst unendlich viel, aber wir können es auch einmal locker lassen und das Selbst sich selbst überlassen. Eines Tages habe ich beschlossen, ich will mich nicht immer verbessern. Ich will mit dem klar kommen was gerade ist. Und nicht morgen oder gestern oder was der andere meint. Das das nicht immer gelingt, ist auch klar. Aber, und das habe ich ausgerechnet in einer Yogastunde bemerkt: negative Strömungen wie Wut auf mich selbst sind eben da, die kann ich nicht wegdiskutieren, also lass ich sie auch da sein. Und schon wird es weicher in mir drin und das Selbst lächelt auf einmal zurück.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s